Winona Forever

Vogue (German), February 1997

WINONA FOREVER

By Elmar Biebl

Schutzbedürftig, verspielt, verträumt und selbstbewußt: vier Gesichter der europäischsten aller US-Schauspielerinnen. Winona Ryder reduziert ihren Stil und ihr Leben aufs Wesentliche.

Die brutalen Dimensionen der Straßenschluchten lassen Winona Ryder noch schutzbedürftiger aussehen. Sie lehnt am Fenster der Penthouse-Suite des “Parker Meridien Hotel” in Manhattan. Achtlos rollt sie eine rote Rose zwischen ihren Fingern. Schwarzer Sweater, schwarzer Faltenrock, schwarze Strümpfe in schwarzen Lackstiefeln. Die großen runden Augen im fast weißen Gesicht schauen nirgendwohin.

Meine Frage, ob sie eigentlich je eine richtig knackige kalifornische Sonnenbräune hatte, reißt sie aus ihren Gedanken. “Sorry”, lacht sie. Wirkte sie vor einer Sekunde noch leicht melodramatisch, fast inszeniert, ist sie jetzt einfach eine ungezwungene junge Frau. “Selbst wenn ich wollte, könnte ich nie braun werden. Ich habe einen russisch-rumänischen Stammbaum. Alle meine Vorfahren waren bleich.” Bevorzugt sie Schwarz als Kontrast zu ihrer natürlichen Blässe? “Ja, vielleicht. Aber wichtiger als die Farbe ist mir eigentlich, daß meine Sachen einfach und bequem sind. Ich liebe Jeans, Overalls, Hosen so groß wie Säcke. Und wenn ich Designermode trage, dann klare, pure, einfache Linien.”

Winona Ryder ist geschäftlich in New York. Sie macht Werbung für die drei Filme, die sie in den letzten zwölf Monaten gedreht hat: Looking for Richard, das Regie-Debüt von Al Pacino, die vierte Folge der Alien-Saga mit Sigourney Weaver und schließlich die Verfilmung von Arthur Millers Bühnenstück Hexenjagd (The Crucible). Darin spielt sie die Magd Abigail Williams, die im zutiefst puritanischen Ostküstenort Salem des Jahres 1692 einem verheirateten Bauern nachstellt, weil er sie im Heu seines Stalles verführt, dann aber zurückgewiesen hat. Um die Frau des Bauern aus dem Weg zu räumen, redet sie den entsetzten Bürgern ein, der Satan persönlich habe sie und die Bäuerin heimgesucht. Eine Massenhysterie bricht aus. Siebzehn Frauen werden als Hexen gehenkt – ein historisch verbürgter Vorgang.

Arthur Miller schrieb das Stück als Reaktion auf den politischen Verfolgungswahn des US-Senators McCarthy in den Fünfzigern. Was bedeuten Hexen- und Kommunistenhatz für eine junge Frau, die damals noch nicht geboren war? “In den USA predigen religiöse Evangelisten tagtäglich Intoleranz. Die Regierung und vor allem das FBI betreiben nach wie vor Hexenjagden. Ich habe es an meinem Patenonkel erlebt: Der wurde an den Pranger gestellt; er bekam auch Berufsverbot und eine Gefängnisstrafe.” Winona spricht vom LSD-Guru Timothy Leary, vormals Harvard-Professor, der wegen seiner Experimente mundtot gemacht wurde. “Außerdem”, sagt sie, “sind viele meiner Vorfahren im Holocaust umgekommen. Ich habe sie zwar nicht gekannt, aber schon als Kind von ihren Schicksalen gehört.”

Winona Ryder wurde als Winona Laura Horowitz in eine jüdische Familie geboren. Winona wurde sie nach ihrem Geburtsort in Minnesota genannt; Ryder ist ein Künstlername. Ihr Vater Michael, Verleger der Flashback Books, sammelt und handelt mit Buchraritäten. “Ich wuchs mit Büchern auf”, erzählt Winona, “und natürlich mit Filmen.” Ihre Mutter Cindy ist freie Autorin, die auch Video-Dokumentationen produziert und jahrelang ein alternatives Kino betrieb. Hier verbrachte Winona viele Stunden ihrer Kindheit. Klassiker wie ein Gesicht in der Menge oder Jenseits von Eden beeindruckten sie am meisten – sie träumte sich in die Rollen überlebensgroßer, starker Frauenpersönlichkeiten hinein.

Winona geht zur Sitzecke der Suite, läßt sich auf ein ausladendes Sofa fallen. Seit sie vierzehn ist, lebt sie nun ihren Kindheitstraum als Schauspielerin. Würde, was sie heute weiß, ihre Entscheidung von damals ändern? “Nein”, sagt sie bestimmt, “auch wenn ich dafür einen großen Preis zahlen muß.” Als Beispiel erwähnt sie ihre Körpersprache, die sich zumindest in der Öffentlichkeit auffallend verändert hat: “Ich gehe – wenn überhaupt – nur mit gesenktem Kopf über die Straße. Ich vermeide Augenkontakt und verstelle meine Stimme, um nicht erkannt oder angesprochen zu werden. Oder bei Dreharbeiten, wenn die Leute nett zu mir sind, frage ich mich: Wären die auch so nett zu mir, wenn ihnen nicht Winona Ryder Moviestar gegenüberstünde?”

Ein kleines Erlebnis fällt ihr ein – die Erinnerung daran rührt sie sichtlich. “Ich bin einmal irgendwo in der Provinz im Auto gefahren. Ich fühlte mich so einsam hinten im Auto und setzte mich neben meinen Fahrer. Plötzlich wurden wir von einem anderen Wagen überholt. Ein paar Jungs schauten zu mir herüber. Sie waren nicht aufdringlich, eher neugierig. Da hörte ich einen von ihnen sagen: ‘Hey, die ist aber hübsch’. Mir schossen schlagartig Tränen in die Augen. Daß mich jemand hübsch nennt, ist für mich nichts Neues. Daß mich aber jemand hübsch nennt, der nicht weiß, wer ich bin, das war der absolute Himmel. Zum erstenmal ein Kompliment, von dem ich hundertprozentig wußte, daß es ehrlich gemeint war.”

Selbst Beziehungen zu Kollegen, die diese Welt der fehlenden Anonymität genauso kennen, sind von Argwohn überschattet. “Als ich bei den Dreharbeiten zu Zeit der Unschuld Michelle Pfeiffer traf, fand ich sie freundlich, aber etwas kühl, fast abweisend. Bis ich dann feststellte, daß sie sich genauso schützte wie ich mich. Es dauerte, bis wir beide unseren Kokon abstreifen konnten. Heute sind wir enge Freundinnen.”

Ähnlich ergeht es ihr mit den Männern in ihrem Leben. Ihre erste große Liebe war jemand aus dem Filmgeschäft – jemand, der sie stark an James Dean aus Jenseits von Eden erinnerte: Johnny Depp. Er ließ sich für sie “Winona Forever” in den Arm tätowieren. Aber Liebesschwüre sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Nach vier Jahren trennten sich die beiden. Und die Tätowierung? Winona seufzt etwas genervt; die Frage hört sie oft. “Johnny gehört zwar noch immer zu meinen besten Freunden. Aber hiermit teile ich der Welt offiziell mit: Die Tätowierung hat er nicht mehr. Mit Lasern läßt sich heutzutage viel machen.”

Dave Pirner, der Sänger von Soul Asylum, wurde ihr nächster Lebensgefährte. Das Gerücht, auch diese Beziehung sei inzwischen vorbei, mag sie weder bestätigen noch dementieren. – Also spricht einiges für “vorbei”.

In den vergangenen Wochen wurde Winona sehr häufig in Vancouver, Kanada gesehen. Dort werden die nächsten Folgen des Serien-Hits Die Akte X gedreht. Der gutaussehende Geisterschnüffler der Serie, David Duchovny, habe sie dorthin gelockt, heißt es. Winona schüttelt nur den Kopf: “No comment.” Was in diesem Falle einer Bestätigung gleichkommt.

Vielen gilt Winona Ryder nicht nur als Topstar unter vielen Topstars der Traumfabrik, sondern als Symbolfigur, der es gelingt, mädchenhafte Zartheit und Power zu vereinen. Ist sie sich ihrer Vorbildfunktion bewußt?

Angenehm scheint ihr diese Frage nicht gerade zu sein. Das schöne Gesicht verzieht sich ein wenig: “Ich persönlich kann doch keine Richtlinie für das Leben anderer abgeben. Die einzige Verantwortung, die ich übernehmen kann, ist die bei der Auswahl meiner Rollen. Ich werde zum Beispiel niemals einen Film machen, in dem eine Frau gedemütigt oder erniedrigt wird, ohne daß sie sich zur Wehr setzt. Frauen als willenlose Opfer – diese Zeiten sind inzwischen ein für allemal vorbei. Und dies zu zeigen, darin sehe ich meine Verantwortung als Filmstar.”

Ein Bewunderer verbreitete im Internet, Winona sei die “modernste” aller jungen Schauspielerinnen: kein Pathos mehr, keine exaltierte Nabelschau, keine Manierismen. Sie wirke als Darstellerin nicht deshalb so überzeugend, weil sie sich ein Rolle wie eine neue Haut überstülpe, sondern weil sie selbst die Rollenperson sei. In Voll das Leben läßt sie sich weder von den brillanten Wortkaskaden eines Jung-Philosophen noch von den Versprechungen eines geschniegelten TV-Produzenten einwickeln. In Zeit der Unschuld lehnt sie sich gegen den strangulierenden Moralkodex der viktorianischen Gesellschaft auf. Und in Betty und ihre Schwestern scheint sich die wirkliche Winona Ryder mit einer Mixtur aus Trotz und Wollust die vorgeschriebene Lockenpracht abzusäbeln. Winona ist die Tochter Courage des neuen Hollywood.

Von den Medien wurde Winona zu einer “Ikone der Generation X” gekürt. Auf dieses Label angesprochen, wird sie geradezu wütend: “Was soll denn das heißen, ‘Generation X’? Wer hat das Recht, einer Gruppe von Leuten – noch dazu den unterschiedlichsten, die ich mir vorstellen kann – ein Etikett draufzuknallen, nur weil sie alle zufällig in einem bestimmten Zeitraum geboren wurden? Wer solche Schlagwörter benutzt, nimmt einem Menschen Identität.”

Ihre Generation hat eine Lebenserwartung von 75 Jahren. Was wird sie mit den restlichen 50 anfangen? “O Gott!” Sie schaut mit verblüfftem Gesicht auf, als müsse sie eine Peinlichkeit enthüllen: Ich komme mir jetzt schon so alt vor. Vermutlich, weil ich seit über zehn Jahren arbeite. Aber wenn ich das höre. Aber wenn ich das höre: noch 50 Jahre…” – Winona forever?