Interview TV Spielfilm
March 7th, 2000 | Published in Deutsch, Foreign Articles
TV SPIELFILM: Welche Tipps hat Ihnen Susanna Kaysen (auf ihrem Schicksal beruht die Handlung) geben können?
Winona Ryder: Wir hatten schon regen Briefkontakt, bevor wir uns tatsächlich trafen. Sie schrieb so offen und ehrlich über ihre Erfahrungen – seit Salinger (US-Schriftsteller, u.a. “Der Fänger im Roggen”) habe ich nichts so Ehrliches mehr gelesen.
TV SPIELFILM: Und wie war es, sie tatsächlich zu treffen?
Winona Ryder: Es war überwältigend, weil ich jemandem wie ihr noch nie begegnet bin. Ich war ungeheuer erleichtert über ihre Zustimmung. Nach sechs Jahren Entwicklungsarbeit für diesen Film war das einfach monumental!
TV SPIELFILM: Haben Sie Gemeinsamkeiten entdeckt?
Winona Ryder: Ich würde es nicht wagen, mich mit ihr zu vergleichen, weil sie so etwas wie eine Heldin für mich ist. Es wäre ziemlich anmaßend, zu behaupten, ich sei wie sie – so gern ich das vielleicht täte. Sie ist unglaublich ehrlich, mitfühlend und intelligent, dabei sehr witzig und scharfsichtig.
TV SPIELFILM: Der Originaltitel “Girl, Interrupted” lässt sich auf verschiedene Weise interpretieren. Geht es darum, dass Susannas Jugend durch all diese Ereignisse einen abrupten Bruch erfahren hat?
Winona Ryder: Ich liebe diesen Buchtitel. Er rührt ursprünglich vom Titel des Vermeer-Gemäldes “Girl, interrupted at her Music” her. Im Buch sieht Susanna es in einem Museum, und das Mädchen schaut aus dem Gemälde heraus, als wolle es ihm entfliehen. Und Susanna wird bewusst, dass sie ihrem Leben entfliehen möchte. Ja, ihr Leben wird unterbrochen, und sie wird an diesen Ort verfrachtet, an den sie nicht gehört. Man stelle sich vor, sie spricht gerade mal zwanzig Minuten mit einem Seelenklempner und wird dann für Jahre in die Psychiatrie geschickt, das ist doch absurd!
TV SPIELFILM: Was sagt das über die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern aus?
Winona Ryder: Die Geschichte spielt im Amerika der 60er-Jahre. Was Susanna passiert ist, ist vielen jungen Mädchen passiert. Wenn sie rebellisch waren und die Eltern nicht mit ihnen klar kamen, ließen sie ihnen Schocktherapien oder Medikamente verpassen. Heute darf niemand für länger als 21 Tage weggesperrt werden, egal, in welcher Verfassung er oder sie ist – selbstmordgefährdet, manisch-depressiv, gewalttätig oder schizophren.
TV SPIELFILM: Hoffen Sie darauf, mit dem Film eine neue Debatte über Geisteskrankheiten zu entfachen?
Winona Ryder: Ich hoffe wirklich, dass die Leute darüber sprechen. Es ist schrecklich, wenn Krankheiten zu einer Stigmatisierung führen. Ich habe mich ganz bewusst dazu durchgerungen, über die schwierige Zeit zu sprechen, die ich mit 19, 20 durchgemacht habe, und ich kämpfe immer noch damit. Ich glaube niemandem, der behauptet, er hätte solche Konflikte nie durchgemacht. Wer diese ganze Welt mit ihren Kriegen, Verbrechen, Krankheiten und Hungersnöten nicht hinterfragt, kann nicht normal sein. Es wäre verrückt zu sagen, diese Welt sei normal. Und deshalb ist es ganz normal, verwirrt und sensibel zu sein und das Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören. Für junge Leute ist es wichtig, nicht allein gelassen zu werden und es ist wichtig, die Menschen zum Reden zu bringen. Hätte ich damals diesen Film gesehen, hätte er mich sehr erleichtert.
TV SPIELFILM: Sie haben sehr offen über Ihre Probleme gesprochen. Hat Ihnen dieser Film geholfen, zu verstehen, warum Sie so glücklich aus allem herausgekommen sind?
Winona Ryder: Ich bin ganz entschieden in meine Psyche eingetaucht. Ich bin zurückgegangen, was sehr schwierig war. Ich habe sehr dunkle Orte in meinem Kopf aufgesucht, die ich verschlossen hatte und die ich nie wieder besuchen wollte. Ich war sehr depressiv und voller Ängste. Ich bin zurückgegangen und habe das alles wiederbelebt.
TV SPIELFILM: Warum war es Ihnen so wichtig, diese Orte wieder aufzusuchen?
Winona Ryder: Ich musste es tun, um die Emotionen für diesen Film zu finden, und es war schrecklich. Ich hatte Angst davor, aber schließlich schaute ich dem Monster ins Gesicht und merkte, ich kann es besiegen.
TV SPIELFILM: Sie waren in dieser Situation, als Ihre Trennung von Johnny Depp Schlagzeilen machte. War diese Trennung ein Auslöser?
Winona Ryder: Das Zerbrechen der ersten großen Liebe ist immer hart, und Johnny war meine erste große Liebe. Es ist immer noch schwer für mich, darüber zu sprechen.
TV SPIELFILM: Hat dieser Trennungsschmerz Sie für die Zukunft vorsichtiger gemacht?
Winona Ryder: Die Frage könnte man jedem stellen, egal, wer oder was er ist. Natürlich wird man beim nächsten Mal vorsichtiger. Ich bin mit Johnny noch gut befreundet, ebenso mit jedem anderen, mit dem ich danach etwas hatte. Darüber bin ich glücklich – ich hatte noch nie eine wirklich schlechte Erfahrung.
TV SPIELFILM: Sind Sie heute glücklicher?
Winona Ryder: Ja. Seit ich die ganze Pressearbeit für diesen Film mache, müssen wohl alle Leute denken, ich sei eine depressive Seele. Ich hatte mit 19 eine schwere Zeit, aber ich bin doch nicht verrückt. Jeder hat als Teenager mal eine schwere Zeit.
TV SPIELFILM: Viele wundern sich über Ihre persönliche Offenheit. Ist das nur Publicity für den Film?
Winona Ryder: Das hat damit gar nichts zu tun. Man hat mich zu meiner Beziehung zu diesem Film gefragt, und ich habe ehrlich geantwortet. Ich rede doch einfach vom ganz normalen Leben! Es gibt genug persönliche Dinge, über die ich nie öffentlich sprechen würde.
TV SPIELFILM: Zurück zum Film: Was halten Sie von dem Argument, dass diese psychiatrischen Institutionen dazu da sind, den Menschen zu helfen? Gibt es nicht vielleicht eine Message in dieser Richtung?
Winona Ryder: Als ich das Buch las, packte mich irgend etwas an der Kehle. Keine feministische Ultra-Girlie-Anwandlung, eher die Botschaft, dass es auf große Fragen nicht immer eine Antwort gibt. Du kannst nicht in ein Krankenhaus gehen, dir eine Pille holen, und alles ist repariert. Du musst in dich selbst hineingehen und es in Ordnung bringen. Das ist eine schwere Lektion in einer Welt, in der wir sofortige Belohnungen und Instant-Problemlösungen erwarten. Bald werden wir uns nicht einmal mehr gegenübersitzen, weil wir im Internet unterwegs sind. Wir verlieren den menschlichen Kontakt.
TV SPIELFILM: Wie fühlen Sie sich dabei?
Winona Ryder: Ich habe Angst vor einer solchen Zukunft und es ist mir wichtig, Filme zu machen über zwischenmenschliche Kontakte und über Leute, die tatsächlich miteinander reden.
TV SPIELFILM: Im Film sehen wir, dass Susanna schreibt, um ihre Fassung zu behalten. Wie halten Sie Ihre?
Winona Ryder: Das konnte ich gut nachvollziehen. Ich schreibe selbst, jede Nacht. Ich führe Tagebuch. Und ich habe eine fantastische Familie, die mich auf dem Boden hält.
TV SPIELFILM: Mit dem Film “Heathers” wurden Sie 1989 zum Rollenmodell der Generation X. Fühlten Sie sich damit unter Druck?
Winona Ryder: Ich fühlte mich in dieser Position schon etwas merkwürdig. Aber einige meiner Rollen trafen den Nerv meiner Generation. Es gab nicht allzu viele Filme, zu denen die Kids eine Beziehung hatten und die nicht beleidigend waren. Plötzlich taucht da ein guter Film auf mit Witz und Intelligenz, und das verstehen sie. Ich hatte Glück, in diesen Filmen zu sein, und so kam ich in diese Position.
Article: Durchgeknallt?Winona Ryder and Angelina Jolie in ‘Girl, Interrupted’
Was geht in einem 17-jährigen Mädchen vor, das gut 30 Schlaftabletten mit einer Flasche Wodka hinunterspült? Das sollte eigentlich ein Psychiater herausfinden. Der ist jedoch nach zwanzig Minuten mit der Diagnose fertig, der Teenager landet in der Psychiatrie – und kommt erst nach Jahren wieder heraus.
So erging es Susanna Kaysen Anfang der 60er-Jahre, irgendwo in den USA. Auf ihrer Autobiografie beruht James Mangolds Drama “Durchgeknallt”, das der 29-jährigen Winona Ryder in der Hauptrolle wieder einmal Gelegenheit gibt, ihre ganze schauspielerische Bandbreite zu zeigen. Für den mauen Querdaumen in der TV SPIELFILM-Bewertung ist Winona Ryder denn auch ebenso wenig verantwortlich wie ihre großartige Partnerin Angelina Jolie – es ist vielmehr die beschwichtigende, versöhnlerische “Psychiatriekritik”, die dieses Drama so weit hinter einen Klassiker wie “Einer flog übers Kuckucksnest” zurückfallen lässt: Am Ende findet Susanna brav zurück zu den “Normalen” und wird als geheilt entlassen.
Winona Ryder spielt diese Rolle so überzeugend, weil sie selbst als Teenager ähnlich bedrohliche Seelenzustände erlebt hat – darüber spricht sie ganz offen im TV SPIELFILM-Interview. Eine langweilige Jugend hat die 1971 in Winona, Missouri geborene Winona Laura Horowitz mit Sicherheit nicht gehabt: Als sie vier Jahre alt war, zog die Familie nach Nordkalifornien um und lebte in der Nähe von San Francisco in einer Hippie-Landkommune. Winonas Patenonkel war der berühmt-berüchtigte Bewusstseins- und LSD-Forscher Timothy Leary, bei dem ihr Vater als Archivar arbeitete, illustre Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Aldous Huxley (“Schöne neue Welt”) gehörten zu den Freunden der Familie.
Mit 11 begann Winona ihre Ausbildung am American Conservatory Theatre in San Francisco, ihr Leinwanddebüt im Alter von 15 Jahren (in David Seltzers “Lucas”) machte sie fast umgehend zu einer der gefragtesten Jungdarstellerinnen in Hollywood – die Rolle als Michael Corleones Tochter in “Der Pate 3″ lehnte sie schon wegen Überarbeitung ab. 1990 machte die 19-jährige Schlagzeilen durch ihre Trennung von Johnny Depp, ihrem Partner in “Edward mit den Scherenhänden”.
Die nächsten Projekte: Voraussichtlich Anfang 2001 kommt der Horrorthriller “Lost Souls” in die deutschen Kinos; für das romantische Drama “Autumn in New York” gibt es noch keinen Starttermin.
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