Schneewittchen aus Stahl

TV-Movie (German), March 1996

SCHNEEWITTCHEN AUS STAHL

By Imme Schröder

Was haben bullige Lastwagenfahrer, bleiche Internet-Freaks und durch-trainierte Basketballspieler in den USA gemeinsam? Ein Poster von Winona Ryder. Die 24jährige mit dem Schneewittchengesicht weckt eben den Beschützerinstinkt im Mann. Und nicht nur den. Als sich die fragile, 1,62 Meter große Schauspielerin, bis dahin auf hochklassige Teenager-Rollen abonniert, 1992 von “Bram Stoker’s Dracula” willig in den schneeweißen und wohlgerundeten Busen beißen, stöhnte halb Amerika ganz verzückt: “Sie ist eine begehrenswerte Frau geworden.”

Der begehrten Frau, so scheint’s, sind ihre weiblichen Attribute allerdings völlig wurscht. Würde Winona Ryder sonst im viel zu großen XXL-Pullover und beuteligen Jeans ungeschminkt zum Interview erscheinen? Sie tut es – immerhin will sie ihren neuen Film “Ein Amerikanischer Quilt” vermarkten – und sieht dabei aus wie eine 16jährige College-Studentin, die sich nur aus versehen in das New Yorker Nobelhotel am Central Park verlaufen hat. Doch dann sagt das zierliche Wesen gleich knallhart an, was Sache ist: “Keine Fragen zu meinem Privatleben. Und damit auch das klar ist: Mein sogenanntes Image kümmert mich einen Dreck.” Sie bestellt Tee mit Honig und kuschelt sich, Knie unters Kinn gezogen, aufs Ledersofa und ist freundlich. “Früher war ich der Vorzeige-Teenager und das Hippie-Kind, weil ich bei meinen Eltern in einer Art Landkommune in Kalifornien aufwuchs. Generation X und so. Nach dem “Dracula”-Film war ich plötzlich die leidenschaftliche Kindfrau.”

Schulterzucken. “Angeblich habe ich auch einen Silikonbusen und mit all meinen männlichen Filmpartnern geschlafen.” Noch mal Schulterzucken – dann sagt sie mit schelmischem Lächeln: “Mit nur zwei Freunden in 24 Jahren bin ich eher sowas wie eine Nonne.” Tja, nur hieß der erste Johnny Depp und ist seinerseits ein Filmstar. Generation X und so. Kurz vor dem gemeinsamen Film “Edward mit den Scherenhänden” (1990) verliebten sie sich. Als sie 1993 “Das Geisterhaus” drehte, neben Meryl Streep und Glenn Close, war es aus. Seitdem muß er mit der Tätowierung “Winona forever” und dem Supermodel Kate Moss fertigwerden. Und sie? Sie ist erwachsen geworden, nachdem Depressionen und Schlaflosigkeit, die die erste große Liebe mit sich bringen, überwunden waren. Heute ist sie mit dem Musiker Dave Pirner von der Gruppe Soul Asylum in der gemeinsamen New Yorker West-Side-Wohnung glücklich. Die beiden kochen zusammen, lesen Bücher, gucken fern. Zu normal, zu unglamourös für Hollywood. Das weiß auch Winona. Aber seit der Krise ist sie stark genug, sich gegen die Vermarktungsmühle im Showbiz durchzusetzen.

“Ich habe früher mal versucht, Alkoholikerin zu sein. Das war so hip unter den Jungstars in Hollywood – aber nicht mehr meine Welt.” Sie hat auch keine Lust, in einer versifften Wohnung aus dem Koffer zu leben, was unter den millionenschweren Nachwuchsidolen als rasend cool gilt – und image-fördernd. Doch statt der Meinung wechselt Winona lieber den PR-Berater. “Ich bin Star und verdiene viel Geld”, sagt sie. “Ich habe deshalb keine Schuldgefühle mehr.” Das mag komisch klingen. Aber wer seit seinem dreizehnten Lebensjahr mehr vor als hinter der Kamera aufwächst, öffentlich als pubertierende mordet (“Heathers”, 1989), die Unschuld verliert (“Meerjungfrauen küssen besser”, 1990) und für das Historiendrama “Zeit der Unschuld” 1993 den ersten Golden Globe bekommt, für den ist ein stinknormales Leben eine Errungenschaft. “Meine Eltern waren ausgeflippt, deshalb bin ich wahrscheinlich traditionell”, vermutet die antiautoritär erzogene und bürgerlich solide lebende Winona. Hat sie deshalb, wieder einmal allen Ratschlägen zum Trotz, nach dem “Dracula”-Film die Chance zum ganz großen Starruhm sausen lassen? Jede Hollywood-Schauspielerin hätte Morde begangen, um Amerikas neues Sexsymbol zu werden. Doch während sich die Titel-verteidigerin und dreifache Mutter Demi Moore bei Chirurgen und Fitneß-trainern schindet, um ihr Image zu halten, hat Winona nach “diesem over-sexed ‘Dracula’-Ding” das Dekollete wieder zugezogen. Statt der Verführerin spielt sie lieber Charakterrollen wie etwa die heranwachsende Schrift-stellerin Jo in “Betty und ihre Schwestern” (1994). In “Ein Amerikanischer Quilt” ist sie die Studentin Finn, die sich von Oma (Ellen Burstyn) und Tante (Anne Bancroft) von der Liebe erzählen läßt. Ganz klar – Winona geht in Richtung Jodie Foster. Auch wenn es mache schade finden.

Lastwagenfahrer, Internet-Freaks und Basketballspieler zum Beispiel.